Peter Schwendele

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Sie fanden Namito bei den Toiletten, einen Wischmop in der Hand. Er drehte Zita und Hektor den Rücken zu und ließ den in die Plastikhalterung eingespannten Putzlappen mit fließenden Bewegungen über den gekachelten Boden gleiten. Er sah aus wie tags zuvor, abgesehen davon, dass seine Füße nicht in den leichten Wildlederslippern, sondern in moosgrünen Gummistiefeln steckten.
Die Toiletten und der angrenzende Duschbereich erstrahlten in bunter Vielfalt. Die Fliesen deckten praktisch das komplette Farbspektrum ab. An den Wänden verbrüderten sich bis hoch zur Decke die unterschiedlichsten Motive, von Keith-Haring-artigen Figuren bis zu romantischen Sonnenuntergängen. Hier hatte sich wohl jeder aus der Sarjana-Gemeinschaft einmal verkünsteln und ein Zeichen der Lebensfreude setzen dürfen, dachte Zita.
Und der Meister putzte tatsächlich, ordnete sich ein ins Gemeinschaftsgefüge, ließ sich offenbar bis nach ganz unten in der Hierarchie durchreichen. Zita hatte sich schon beim Betreten des Wohnhauses gewundert. Im Flur, vor der großen Tafel, an der jeden Tag abzulesen war, wie die Aufgaben im Sarjana verteilt wurden, hatte sie unter der Spalte ›Cleaning – Küche, Toiletten, Dusche, Waschküche‹ das Magnetschild mit dem Namen Namito entdeckt. Jetzt, als sie sah, wie Friedrich Thalmanns hagere Gestalt mit gebeugtem Rücken dastand und den feuchten Mop konzentriert in die hinteren, versteckten Winkel zwischen Kloschüssel und Wand führte, fragte sie sich, ob dies tatsächlich das Leben hier widerspiegelte. Hektor schien es ähnlich zu gehen. Er verdrehte die Augen. Was für eine Inszenierung, sagte sein Blick. Wollte sich Namito harmloser und durchschnittlicher präsentieren, als er tatsächlich war? Aber woher hätte er wissen sollen, dass sie heute Morgen schon wieder hier auf der Matte stehen würden? Na ja, dachte Zita, er hätte es sich an fünf Fingern abzählen können.
»Guten Morgen, tut uns leid, Sie bei der Arbeit stören zu müssen«, sagte Hektor, um einen neutralen Tonfall bemüht.
Namito schien zusammenzuschrecken, doch als er sich umdrehte, hatte er sich schon wieder in der Gewalt. Er lächelte.
»Oh, das ist nicht wirklich Arbeit, auch wenn es für Sie so aussieht.« Er nickte ihnen zu. »Frau Gehring, Herr Hektor.« Während er mit dem Fuß die Klappvorrichtung löste und den Lappen ins Putzwasser gleiten ließ, sagte er: »Es ist alles eine Frage der inneren Einstellung, selbst das Putzen. Für uns ist das, wie jede Tätigkeit, die das Leben mit sich bringt, eine meditative Andacht, Worship nennen wir es. Man kann das Leben in vielerlei Gestalt feiern. Die Möglichkeiten sind endlos. Wenn man loslässt bei dem, was man tut, schwimmt man irgendwann auf der Welle seiner eigenen Energie.«
Er ging in die Knie, um den Lappen auszuwringen.
»Und bevor Sie sich wundern: Hier im Sarjana macht tatsächlich jeder alles. Das hilft ungemein dabei, das eigene Ego im Zaum zu halten. Wenn Sie sich beispielsweise hier austoben«, er machte eine weit ausholende Geste und ließ den Blick über die Fliesen schweifen, »dann haben Sie sich selbst relativ gut gegen größenwahnsinnige Träumereien geschützt.«
Hektor blieb steif stehen, Zita lehnte sich mit verschränkten Armen an eines der Waschbecken, während Namito, gestützt auf den für die nächste Runde bereiten Wischmop, ihnen freundlich die Prinzipien der Gemeinschaft erläuterte. Zum einen würden die Aufgaben sinnvoll im Wechsel auf alle Kommunemitglieder verteilt. Alle seien materiell gleichgestellt, bekämen dasselbe Taschengeld und könnten gleichberechtigt über die Gemeinschaftseinrichtungen verfügen. Zum anderen gebe es natürlich Personen, die gewisse Dinge lenken und koordinieren müssten, doch bedeute dies keine Rangordnung, die zu Distanz führe, es gebe kein Oben und Unten.
»Man nennt das horizontale Hierarchie, und wenn man mit genügend Bewusstsein lebt, fügt sich alles wie von selbst in ein natürliches Ganzes.« Namito fing Hektors skeptischen Blick auf. »Sehen Sie, für uns haben Strukturen und Positionen nichts mit dem Sein und der Wertigkeit der Person zu tun. Für uns kommt es viel weniger darauf an, was man tut, und viel mehr darauf, wie man es tut. Das ist das Entscheidende, und das hat die Welt dort draußen noch nicht verstanden.«
Namito ließ seine schlanken Finger über die rötliche Stange des Putzgeräts wandern. Zita dachte an vieles gleichzeitig, an den Neuen Bau, an ihr Elternhaus, an Lars, der am Bistrotisch saß und in die Mittagssonne lächelte, an den schönen Schein, der einen mindestens an jeder zweiten Ecke, um die man bog, blendete, an das aufgeblasene Getue, mit dem Tag für Tag mangelnde Kompetenz und fehlende innere Stärke kaschiert wurde, egal wohin man auch sah.
Hektor sagte: »Ach ja, die böse Welt …«
Namito blieb gelassen. »Ich hoffe, dass ich mich nicht ausgerechnet mit Ihnen über den miserablen Zustand der Gesellschaft streiten muss. Sie erleben das Ganze doch jeden Tag von seiner bittersten Seite, nehme ich an.«
»Wir möchten ja gerne glauben, dass hier bei Ihnen alles perfekt ist …«
»Es geht nicht um Perfektion.« Namito hob die Hand. »Aber eins ist doch klar: Wenn ich etwas ändern will an der Welt, muss ich bei mir selbst anfangen. Das war von jeher das Credo der Sannyasins, und das ist das, was wir hier tun. Wir arbeiten an unserer Bewusstheit, wir schärfen sie in der Meditation, jeden Tag, um ein bisschen liebevoller zu werden, ein bisschen aufmerksamer, ein bisschen lebendiger.« Er sah Zita und Hektor an. »Wir sollten ehrlicher sein, weniger Kompromisse machen im Leben, weniger opportunistisch sein. Finden Sie nicht?«
Hektor blickte missmutig auf den blank gewischten Boden.
Zita suchte Namitos blaue Augen. Sie blickten sanft.
»Klingt gut, ist aber nicht so einfach, wie es sich anhört. Meine bescheidene Erfahrung«, sagte sie mit einem Achelzucken.
Namito drehte sich zur Seite und begann großflächig den vorderen Bereich rund um die Toilette zu wischen. »Natürlich. Meditation ist ein mühseliges Geschäft. Man schleift jedes Mal ein winziges Stückchen vom eigenen, riesigen Ego ab. Das ist kein Zuckerschlecken, und deshalb machen auch die meisten einen großen Bogen darum, gelenkt von ihrem Ego. Das ist der Kern des Problems: Das Ego redet uns ein, dass wir allein sind, dass wir getrennt sind von der Existenz, doch in Wirklichkeit sind wir untrennbar eingebunden in unsere Umgebung, in die Welt, ins Universum, ins große Ganze.«
Hektor stöhnte auf. Zita warf ihm einen warnenden Blick zu. Thalmann war dabei, sich warm zu reden, und das war es doch, was sie wollten. Namito stellte den Wischmop in die Ecke und ging zum nächsten Waschbecken, um sich die Hände zu waschen. Er ignorierte Hektors Mangel an Begeisterung für die Entwicklung spirituellen Bewusstseins und begann, sich über die Wichtigkeit einer echten Gemeinschaft für die Realisierung höherer Ziele auszulassen. Ein stabiles Buddhafeld sei der Schlüssel dafür, das Leben auf eine andere Stufe zu heben. Die todkranke Welt sei heilbar, die Medizin heiße Meditation, denn Meditation schaffe Bewusstheit, und wer sich seiner selbst bewusst sei, wolle der Welt nicht mehr schaden durch sein Tun, denn er habe begriffen, dass er sich damit gleichzeitig selbst schade.
»Leider ist die Sinnsuche, die all das ins Rollen gebracht hat, zur Farce verkommen. Wie bei so vielem ist heute die Substanz verloren gegangen. Die Zahl der vorgeblichen Sinnsucher ist höher denn je, doch die Qualität ist unterirdisch.«
Namito klang bitter, als er vom heutigen Poona erzählte, wo es nur noch Sinnsuche light gebe.
»Es ist ein mondänes Urlaubsressort geworden, komplett künstlich«, sagte er.
Dort, wo Osho früher versucht habe, einen neuen Menschen zu kreieren, würden heute zwar immer noch sehr viele Leute hinfahren, aber in erster Linie, um zwei oder drei Wochen lang Pseudoentwicklung zu betreiben und danach in ihr höchst durchschnittliches Leben zurückzukehren und genauso weiterzumachen wie bisher.
»Und Osho haben sie da zu einer eingetragenen Marke gemacht«, meinte er mit einer wegwerfenden Handbewegung und trat hinaus ins Freie.
»Deshalb ist die Gemeinschaft für Sie so wichtig?«, fragte Zita und folgte ihm.
»Wichtiger denn je. Hier ist noch der Mut da, etwas zu wagen, sich ganz auf den eigenen Weg einzulassen.«
Namito führte sie zu dem Tisch, an dem sie bereits tags zuvor gesessen hatten und auf dem eine große Karaffe mit einer schwarzen Flüssigkeit und drei Türme aus Gläsern standen. Er bot ihnen von dem Holundersaft an.
Es war Hektor, der die Verbindung zu ihrem Fall zog. Ob Thalmann dann nicht auch die Besucher des Sarjana gering schätzen müsse, die ja offenbar nicht den nötigen Mumm hätten, sich auf ein alternatives Leben, wie er es nannte, einzulassen.
Es gehe ihm nicht darum, Menschen auf ihrem individuellen Weg zu kritisieren, meinte Namito beschwichtigend; ein spirituelles Leben könne nur in Freiheit geführt, dürfe nicht mit Verpflichtungen überfrachtet werden. »Ich zeige den Menschen um mich herum nur, dass es nichts gibt, wovor wir Angst haben müssen. Denn wir sind alle ein Teil dieser kosmischen Kraft, die uns umgibt.« Er blickte versonnen in den strahlend blauen Himmel, wieder die Ruhe selbst.
Hektor störte die Idylle, indem er Friedrich Thalmann fragte, wo er in der vorvergangenen Nacht gewesen sei.
Namito straffte sich und blickte ihm direkt ins Gesicht. »Das müssen Sie wohl fragen, in so einem Fall?«
»Reine Routine«, bestätigte Hektor nickend.
»Ich war die ganze Nacht mit Satyavati zusammen, mit Rowena Dennbrink. Es ging ihr nicht gut.«
»Wir würden uns übrigens gern einmal mit Frau Dennbrink unterhalten«, hakte Zita ein.
Das sei schlecht möglich, meinte Namito, denn Satyavati sei immer noch krank. Die Sommergrippe, die sie erwischt hatte, sei ungewöhnlich hartnäckig. Als Hektor und Zita darauf bestanden, wenigstens kurz mit der Frau zu reden, erklärte sich Namito widerstrebend bereit, ins Haus zu gehen und zu schauen, ob sie wach sei. Wenn ja, werde er sie herbringen.
»Aber wirklich nur kurz«, beharrte er.
»Die frische Luft wird ihr gut tun«, rief ihm Zita hinterher.
Es dauerte geschlagene fünf Minuten, bis Thalmann mit Rowena Dennbrink an seiner Seite in der Tür erschien. Sie hing an ihm wie ein aus dem Nest gefallenes Vögelchen, fand Zita. Mehr noch: In ihrem langen weißen Kleid, mit den weizenblonden Haaren und der geisterhaften Blässe ihres Gesichts sah sie aus, als wäre sie nicht von dieser Welt. Hektor erinnerte sich offenbar seiner guten Kinderstube, erhob sich und ging auf sie zu. Zita folgte ihm.
Rowena Dennbrink sprach so leise, dass sie sich ihr entgegenbeugen mussten, um sie zu verstehen. Nein, sie habe nichts Ungewöhnliches gehört in dieser Nacht. Ja, Namito sei die ganze Nacht bei ihr gewesen. Sie habe Fieber gehabt, habe aber praktisch nicht schlafen können. Ihre Abwehrkräfte seien schon immer schwach gewesen. Die Nachricht von dem Unglück habe ihr jetzt zudem den Boden unter den Füßen weggezogen.
Ihre Augen flatterten unentwegt, von Namito zum Himmel, vom Himmel zu Namito. Die beiden Polizisten sah sie kaum an.
Namito brachte die Frau wieder ins Haus. Diesmal war er schnell zurück. Doch er blieb im Türrahmen stehen, bat Hektor und Zita nicht mehr an den Tisch.
»Wissen Sie denn mittlerweile schon mehr über Sylvie, ich meine den Todesfall?«, fragte Namito.
Hektor antwortete: »Wir erwarten heute das Obduktionsergebnis.«
»Also, ich vermute, es muss etwas mit ihrer Vergangenheit zu tun haben.«
»Was wissen Sie darüber?«, fragte Zita.
»Eigentlich nichts. Sie hat praktisch nichts erzählt. Mir zumindest nicht. Aber Sie wissen ja, wie sie aussah – ziemlich wild.« Er machte ein schiefes Gesicht, dann sah er Zita und Hektor an. »Tja, wie es scheint, wird der Fall schwierig für Sie. Da möchte ich lieber nicht in Ihrer Haut stecken.«
Hektor funkelte ihn an. »Wir in Ihrer auch nicht.«
»Wie meinen Sie das?«, fragte Namito erstaunt.
»Nun, wir haben gehört, dass es hier finanzielle Probleme gibt.«
»Mehr oder weniger.«
»Klären Sie uns ruhig auf.« Zita verschränkte die Arme vor der Brust und nahm eine wartende Haltung ein.
»Tut mir leid, ich verstehe nicht ganz, was das mit Ihren Ermittlungen zu tun hat.«
»Wer kann das schon wissen?«, fragte Hektor. »Überzeugen Sie uns davon, dass es nichts damit zu tun hat.«
»Ich wüsste wirklich nicht, was. Ja, es stimmt, wir mussten vor etwa eineinhalb Jahren unser erstes Zentrum verlassen. Das Ganze ist uns finanziell über den Kopf gewachsen. Aber zum Glück sind wir hier untergekommen, und wir fühlen uns richtig wohl hier. Sehen Sie sich doch um.« Namito breitete die Arme aus.
Die beiden Polizisten drehten sich um und blickten auf das vom Sonnenlicht überflutete Sarjanagelände. Zita konnte die gnadenlose Helligkeit nicht ertragen. Sie setzte ihre Sonnenbrille auf. Braune Erde, verbranntes Gras, Mückenschwärme über der Lauter, mühsam aufrecht stehende Wände, wacklige Gestalten – die ganze Unvollkommenheit. Es geht nicht um Perfektion, hatte er gesagt.
»Paradiesisch.« Hektor konnte den Hohn in seiner Stimme nicht verbergen, wollte es sicher gar nicht.
»Aber manchmal trügt der Schein ja«, setzte Zita hinzu, als sie sich abwandten und Namito stehenließen.