Peter Schwendele

Autor


Eduard Nakovic war ein Pedant und ein unerträglicher Besserwisser. Außerdem, als wäre das noch nicht genug, hatte er die Neigung, die Redaktion wie der Oberaufseher eines Strafgefangenenlagers zu führen. Ich war mir sicher, dass er uns alle – mich, Katie, unsere Sekretärin Heidi Albrecht und die Riege von freien Mitarbeitern, die uns regelmäßig Material zulieferte – vor seinem geistigen Auge als an Kanonenkugeln gekettete, steineklopfende Sträflinge sah. Manchmal hatte er so einen verschwommenen, an der Decke klebenden Blick, der gar keine andere Deutung zuließ. Bei den Freien gelang es ihm in der Regel tatsächlich, dass sie sich wie Sklaven fühlten. Er scheuchte sie von Termin zu Termin, forderte ständig, dass sie ihre Berichte schneller lieferten, und hatte gleichzeitig die Chuzpe, bei von ihm ausgemachten »Qualitätslücken«, wie er es nannte, den einen oder anderen Euro von ihrem Honorar abzuzwacken. Mit dieser Tour machte er sich gleichzeitig bei Puls lieb Kind, weil er jeden Monat den Redaktionsetat einhielt, etwas, das mir zugegebenermaßen nie gelungen war, als ich in diesem Laden noch etwas zu sagen gehabt hatte.
Auch bei Katie und mir probierte es Nakovic regelmäßig mit Knechterei, allerdings mit bescheidenerem Erfolg. Jede noch so hinterfragenswürdige neue Richtlinie, die die Verlagsleitung entwickelte, zoomte er gnadenlos in den Alltag unserer Redaktion herunter. Bald war es völlig egal, ob wir einen inhaltlich relevanten, geschweige denn kritischen Journalismus betrieben, Hauptsache, die internen Regeln, wie eine Zeitungsseite korrekterweise auszusehen hat, wurden ohne lästiges Hinterfragen befolgt. Darauf achtete unser Herr Redaktionsleiter mit einer Genauigkeit, als hinge sein Leben davon ab.
Dazu passte, dass Nakovics Kommentare mit vernünftigen redaktionellen Meinungsbeiträgen wenig bis nichts gemein hatten. Es waren eigentlich keine Kommentare, die er abließ, er bezeichnete sie nur so. Im Grunde handelte es sich bei seinen Ergüssen um Huldigungen und Lobpreisungen. Nakovic setzte sich nie in die Nesseln, er zeigte nie Flagge, er beließ es schlicht bei Danksagungen. Er dankte allen und jedem in seinen Kommentaren. Mochte es vertretbar sein, der Feuerwehr nach der Bekämpfung eines Brandes Dank für den Einsatz auszusprechen, so war es bereits reichlich fragwürdig, dem Schulzentrum, das Derartiges ja auch mit einer gehörigen Portion Eigeninteresse tat, für das Angebot eines Berufsorientierungstags zu danken. Nakovic schreckte aber nicht einmal davor zurück, dem Kaninchenzuchtverein in einer mit »Der Kommentar« titulierten Randnotiz für die Ausrichtung einer »in ihrer Vielfalt und Lebendigkeit sowohl Kindern als auch Erwachsenen das Herz wärmenden Jungtierschau« zu danken.

Bei all dem Gewürge, das er Tag für Tag abließ, hielt sich Eduard Nakovic auch noch allen Ernstes für unverzichtbar, und so passte es ihm überhaupt nicht in den Kram, dass er dieses Wochenende nicht den Redaktionsdienst übernehmen konnte.
»Ausgerechnet dieses vorentscheidende Wochenende bin ich nicht da … Ja, es geht nicht anders … Meine einzige Schwester … Und wir hoffen ja alle, dass sie nur einmal in ihrem Leben heiratet … Lange genug gedauert hat’s ja, bis sie ein passendes Exemplar gefunden hat … Aber sicher, am Wahlsonntag bin ich wieder im Dienst.«
X-mal hatte ich ihn diesen Sermon in den letzten Tagen und Wochen am Telefon erzählen hören, bevorzugt, wenn Oliver Puls am anderen Ende der Leitung war.
Die Dickkircher Bürgermeisterwahl, die am übernächsten Sonntag anstand, lag Nakovic im Magen. Und nicht nur ihm. In der ganzen Stadt machte sich eine stetig wachsende Anspannung bemerkbar, weil es immer mehr nach einer knappen Angelegenheit roch. Die feindlichen Lager hatten sich bereits formiert, und manch einer befürchtete, dass es morgen Abend bei der offiziellen Kandidatenvorstellung in der Stadthalle zum großen Knall kommen könnte.
Wie auch immer, ich würde mir das Ganze reinziehen müssen, Nakovic jedoch würde zu diesem Zeitpunkt bereits in Braunschweig sein, wo er am Sonntag den Trauzeugen zu spielen hatte. Aber anstatt es kurz zu machen, da er doch offenbar so sehr in Eile war, baute er sich nochmals vor meinem Schreibtisch auf und walkte seinen Oberkörper hin und her, wie es in Stresssituationen seine Art war. Es schien, als würde es ihm geradezu körperliche Schmerzen bereiten, mir in dieser speziellen Situation die Gesamtverantwortung für die Dickkircher Nachrichten zu überlassen.
»Jochen …«, begann er.
»Musst du nicht los, Eduard?«, unterbrach ich ihn. »Ich dachte, Ines sitzt bereits auf gepackten Koffern.«
Ich verzichtete darauf, ihm mitzuteilen, dass seine werte Gattin auf mich wie eine moderne Version von Frankensteins Braut wirkte und der Rabatz, den sie machen würde, sich mir entsprechend unliebsam vor das innere Auge stellte.
»Wie lange fährt man eigentlich nach Braunschweig?«
»Sechs bis sieben Stunden, je nachdem«, antwortete er brav, »aber hör mal, ich wollte das nur noch kurz ansprechen …, ich meine, kommst du klar morgen Abend mit dieser Kandidatenvorstellung? Du hattest bisher ja mit der Wahl nicht viel zu tun. Hab ja alles ich gemacht.«
Mit dieser Eigenbauchpinselei erzählte er mir nichts Neues; ich wusste nur zu gut, dass er die Wahl diskussionslos von Anfang an zur Chefsache erklärt hatte.
»Wir haben doch bereits darüber gesprochen, Eduard, mehrmals, erinnerst du dich?«
»Ja, schon, ich meine nur, ich kann mich doch auf dich verlassen? Du weißt, dass es Oliver, ich meine Herr Puls, nicht so recht behagt, dass ich ausgerechnet dieses Wochenende nicht da bin.«
Ich spielte ein bisschen den Entrüsteten. »Ich bitte dich, ich mach das doch nicht zum ersten Mal, ich bin seit mehr als fünfzehn Jahren dabei. Du tust, als ob das mein erster Wahlkampf wäre. Sehe ich aus wie ein Volontär mit Feuchtgebieten hinter den Ohren?«
»Natürlich nicht, Jochen. Dann geht das also klar. Keine Experimente, okay, ganz die alte Schule.«
Was immer er damit genau meinte, es war definitiv etwas anderes als das, was ich darunter verstand. Ich hatte zwar noch keinen Schimmer, was ich mit dieser Kandidatenvorstellung morgen Abend anfangen sollte, eines wusste ich aber mit absoluter Sicherheit jetzt schon: Ich würde den Burschen, die sich am Samstagabend in der Halle aufs Podium setzten, in der Montagsausgabe auf gar keinen Fall und unter keinen Umständen dafür danken, dass sie ihre Kandidatur erklärt hatten.
Also blickte ich mit möglichst unschuldig wirkenden Hamsteraugen zu ihm auf. »Hab ich dich schon jemals enttäuscht, Eduard?«