Tag am See


 „Angenommen, Sie hätten einen Wunsch frei, wie würde der aussehen?“

„Ein freier Wunsch, welch zauberhaftes Geschenk. Da muss ich nicht lange überlegen: Ich würde gern nochmal, sagen wir, 250 Jahre gut, frei und gesund leben wollen, und dann, von einer Sekunde zur anderen, tot umfallen.“

 

Der Champagner zum Frühstück ist eine Idee der Organisation. Sie meinen es gut, sie geben sich wirklich Mühe. Anette hat Dom Pérignon besorgt. Ich kann nicht sagen, ob er mir schmeckt. Aus der Welt des Geschmacks bin ich schon vor einiger Zeit verbannt worden. Früher habe ich gern ordentlich gegessen und getrunken. Jetzt ist die spärlich gewordene Nahrungsaufnahme kaum mehr als ein mechanischer Vorgang, an den meisten Tagen fernab von jedem Genussgefühl. Aber immerhin: Auf dem langstieligen Glas mit den kristallenen Verzierungen bricht sich das Licht der ersten Sonnenstrahlen und es klingt hell, wenn ich mit dem Finger leicht dagegen schnippe.

Den Blick über den See am noch schlaftrunkenen Morgen habe ich immer geliebt. Diese klaren Farben, die langsam höher und höher steigen, vom taunassen Gras über den friedlichen, noch ungestört glänzenden Wasserspiegel bis zu den Berggipfeln in der Ferne. Aber mit Champagner habe ich dieses Bild nie gefeiert, fällt mir jetzt auf. Ich hätte es mir leisten können, doch der Dekadenz bin ich zum Glück nicht anheimgefallen. Überhaupt, an Schampus zum Frühstück kann ich mich nur nach umjubelten Premieren erinnern, wenn das gesamte Ensemble die Nacht zum Tag gemacht hatte, wenn es unmöglich schien, mit diesem besonderen Pulsschlag, kostbare Zeit vergeudend, ein Bett aufzusuchen, geschweige denn irgendeine Form des Alltags je wieder zu ertragen. In diesen Stunden war es am stärksten gewesen, dieses süße Gefühl der Unsterblichkeit, und es war mir vollkommen egal, dass es sich, wie ich wohl wusste, um eine Täuschung handelte.

Merkwürdig, ich habe heute Nacht sogar etwas besser geschlafen als zuletzt. Keine Träume von den Schläuchen, die sich in meinen Körper hineinfressen oder sich um ihn ringeln, als würde er mit ihrer Hilfe von gesichtslosen Weißkitteln mit madenartigen Händen einbalsamiert werden. Mein Kopf ist erstaunlich klar, doch ich fasse die bereit gelegte Zeitung nicht an. Ich will nichts Neues mehr wissen, wozu auch? Egal, wer was gesagt, getan, erreicht, erbaut, zerstört, entdeckt hat, die Welt wird sich so oder so weiterdrehen. Mein Bemühen, aus diesem Gedanken Trost zu ziehen, bleibt wie immer vergeblich.

Ich bitte Anette abzutragen. Sie ist hübsch heute mit ihren braunen Löckchen, aber unauffällig, so professionell distanziert wie immer, obwohl es auch für sie ein besonderer Tag ist. Ich frage mich, ob es richtig war, den Termin so spät in den Nachmittag zu legen. Habe ich mir eingebildet, noch irgendetwas auskosten zu können? Sicher nicht. Es geht vielmehr darum, sich nicht davon zu schleichen, sich seine Standhaftigkeit zu bewahren, den Dingen ins Auge zu sehen. Mehr habe ich mir nicht davon versprochen. Es ist seine Eitelkeit, hat Gregor sicher zu seiner Frau gesagt, sogar das muss er noch zelebrieren.

 

„Wenn ich Sie richtig verstehe, geht es Ihnen also darum, dass die Würde des Menschen gewahrt bleibt?“

„Ja, so ist es, bevor Krankheit und Leid dem Menschen auch noch den letzten Rest an Würde nehmen, muss er selbst bestimmen dürfen, wann und wie sein Weg zu Ende geht. Dieses Menschenrecht kannten alle Naturvölker. Leider ist es in der so genannten Zivilisation verloren gegangen.“

 

Ich versuche, mir Anette nackt vorzustellen, im Bett. Es gelingt mir nicht. Nur gut, dass ich diesem ewigen ekelhaften Mannsein nicht nachgegeben habe. Immer ist das doch der erste Gedanke, wenn man sich fragt, was man an einem solchen Tag tun kann, wie man ihn gestalten sollte: Noch einmal mit einer schönen Frau schlafen. Da braucht mir keiner erzählen, es sei nicht so. Erst wenn man darüber nachdenkt, fragt man sich, wozu eigentlich. Es waren ohnehin zu viele Körper in diesen ganzen Jahrzehnten. Sie werden in der Erinnerung miteinander vermatscht, werden zu einem Brei aus hellem Fleisch. Die Konturen, die einst so verheißungsvoll, so elektrisierend wirkten, sind nicht mehr zu sehen, geschweige denn zu spüren. Ich glaube, im Nachhinein würde mir nichts fehlen, wenn es nur Rike gewesen wäre.

Es wäre ohnehin ein Fiasko geworden, selbst mit Viagra. Ich hasse die Schläuche, wer kann auch nur annähernd in Stimmung kommen, wenn dieses Plastikzeug immer um einen rumbaumelt. Darauf freue ich mich: Heute Abend darf ich sie endlich abnehmen, dann ist es egal, wo diese verdammte Gallenflüssigkeit hinläuft.

Was bleibt sonst noch fürs Tagesprogramm? All die pubertären Vorstellungen, die man so hat, und die in heuchlerischen Hollywoodfilmen gern breitgetrampelt werden – vor dem Abgang mal schnell Bungeejumpen, Drachenfliegen oder Fallschirmspringen - haben sich ja schon ein paar Tage nach der Diagnose erledigt. Und selbst wenn mein Körper mitmachen würde, Lust dazu habe ich keine. Ich will keinen Kick mehr, ich will Frieden.

Nur eines würde mich glücklich machen: Noch einmal auf einer Bühne stehen, noch einmal das enge Korsett des eigenen Selbst abwerfen, noch einmal glühen in der Unwirklichkeit des gespielten Lebens, das dennoch so oft mehr Kraft hat als die Realität. Aber das ist endgültig vorbei.

Ich rufe Rolf an. Lass uns einmal um den See fahren, sage ich.

Er will in einer Viertelstunde da sein. Rolf ist eine gute Seele, ein lieber Kollege, ein Freund. Ohne Zögern hat er eingewilligt, bereit zu stehen, wenn es mir zu viel wird alleine, wenn ich doch jemand brauchen sollte, der mir den Tag ein wenig erleichtert. Ich weiß, dass er nicht viel fragen wird. Das ist mir nur recht.

 

„Wie ist das, wenn man seinen eigenen Tod plant?“

„Na ja, angenehm ist das nicht gerade, das kann ich Ihnen sagen. Aber es ist das kleinere Übel, wenn man in einer solchen Situation ist wie ich. Ich habe genug anderen Menschen beim langsamen Sterben zusehen müssen, meine Schwester und mein Bruder sind auch an Krebs gestorben. Mir würden höchstens noch ein paar Wochen bleiben, die muss ich nicht mit dieser Tortur ausfüllen. Ich bin froh, dass ich vorgesorgt habe.“

 

Der Fahrtwind hat mir gut getan, hat das, was sich in mir breit machen wollte, weggefegt. Ich weiß nicht, ob es Angst war. Eher ein Unbehagen; ich bin mir auf einmal nicht mehr sicher, dass nichts mehr kommt. Vielleicht sollte mich das eher trösten, als mir Sorge zu bereiten.

Rolf wäre mit hereingekommen, wenn ich es gewollt hätte. Er sei auf alles vorbereitet, meinte er. Ich sagte, ich würde ihn später nochmal anrufen, ich wolle noch in Ruhe einen Film ansehen. Rolf zwinkerte mir zu. Wahrscheinlich einen von deinen eigenen, wie ich dich kenne.

Wir lachten, aber er hat ja recht, in gewisser Weise. Allerdings spiele ich nur eine Nebenrolle. Im Grunde dreht sich alles um Rike, so war es ja immer. Ich verstehe nicht, weshalb ich nicht früher an Mauritius gedacht habe, an dieses Urlaubsvideo. Es gibt nichts Schöneres. Rike am Strand, Rike auf den Tempelstufen, Rike an der Bar. Rike, als sie noch ihre Haare hatte. Wäre ich nicht mit ihr durch diese Sache durchgegangen, ich weiß nicht, ob ich das jetzt könnte. Aber ich wünschte, sie wäre bei mir, so wie ich damals bei ihr gewesen bin.

Anette bringt mir eine leichte Mahlzeit, und ich bitte sie, sich zu mir zu setzen. Es ist natürlich nicht einmal annähernd dasselbe. Der Anblick ihrer Jugend macht mich sentimental und larmoyant. Dann sind plötzlich die Schmerzen wieder da, schlimmer als zuletzt, und sie muss mir eine Spritze geben.

Als ich wieder bei mir bin, ruft Gregor an. Zuerst weiß ich nicht, was er will. Wir haben uns doch gestern bereits verabschiedet. Es war ein Tränenbad, endlos, kaum zu ertragen; ein erschreckendes Beispiel für die schwere Last, die man sich mit Abschieden aufbürdet.

Dann sagt er es selbst.

Papa, hast du`s dir nochmal überlegt?

Ich schweige, ich atme nicht einmal.

Gregor beginnt zu schluchzen. Doch ich weiß, dass er im Grunde genommen wütend auf mich ist. Er ist wütend auf mich, seit ich seine Mutter für Rike verlassen habe. Und jetzt ist er noch wütender, weil er seinen Kindern irgendwie erklären muss, dass ihr Opa freiwillig aus dem Leben geschieden ist.

Papa, soll ich kommen?

Ich will diese Diskussion nicht noch einmal führen. Wieso kann er meine Entscheidung nicht einfach akzeptieren? Aber wir hatten es noch nie einfach miteinander. Ich hätte mir nicht träumen lassen, dass mein Sohn ein biederer Konservativer wird. Sein Kommentar dagegen war bei allem was ich tat, immer derselbe: Typisch Künstler. Er hält mich für einen Egomanen und nimmt es mir übel, dass ich selbst beim Sterben egoistisch bin. Vielleicht hat er recht, doch es ist schließlich mein Tod. Nicht dass ich mich beschwingt fühle, jetzt wo er näher rückt, aber verkrampftes Zusammenhocken und hündisch fragende Blicke will ich mir in meinen letzten Stunden nun wirklich ersparen.

Nur Selbstmörder wollen allein sterben, sagt Gregor.

 

„Manche werden sagen, Sie machen Reklame für die Selbsttötung.“

„Darum geht es doch nicht im Geringsten, das behaupten nur die ganzen Schaumschläger und Moralprediger, die glauben, aus einer selbstgerechten und sicheren Position heraus anderen Vorschriften machen zu können. Es geht darum, den anderen leben zu lassen, wie er es will und ihn auch sterben zu lassen, wie er es für richtig hält. Ich mache das ja nicht aus Jux und Tollerei, sondern weil ich glasklare Gründe habe. Und ich will Menschen, die in einer ähnlichen Situation sind, Mut machen, den Weg zu gehen, den sie gehen wollen.“

 

Ich sitze da und blicke auf den See wie ein alter Mann, der ich ja auch bin. Die Zeit vergeht langsam, dabei hatte ich erwartet, sie werde das Besondere dieses Tages spüren und rasen. Rolf ist nochmal gekommen. Wir rauchen einen letzten Zigarillo. Ich paffe nur ein bisschen, um des Rituals willen. Es ist schön hier, und trotzdem denke ich: Schade, dass die Schweiz nicht am Meer liegt. Sofort fühle ich mich schuldig, weil ich diesen letzten harmonischen Moment nicht genießen kann, und eine Ahnung macht sich in mir breit, dass das immer mein Problem war, dass ich diese merkwürdige innere Unruhe nur nie wahrhaben wollte. Unwilllig schiebe ich das Gefühl beiseite; in meiner Situation muss ich nun wirklich nicht von mir erwarten, dass ich mich über mangelnde Zufriedenheit bekümmere. Doch die Wut und die Enttäuschung, die seit der Diagnose vor zwei Monaten meine ständigen Begleiter waren, wollen sich nicht mehr einstellen. Ich will nicht mehr hadern, vielleicht habe ich auch einfach nicht mehr die Kraft dazu.

Anette sagt, der Mann von der Organisation sei gekommen, und wir gehen zurück ins Haus. Herr Petrelli ist mir sofort wieder vertraut, er strahlt dieselbe beruhigende Souveränität aus wie bei den Vorgesprächen. Seinen Koffer stellt er diskret neben der Tür ab, fragt mich, wie mein Tag verlaufen sei, wie es mit den Schmerzen aussieht. Jetzt, wo er vor mir steht, ist mir endgültig klar, dass es zu Ende geht, dass alles andere nur ein Vorgeplänkel war. Ist es Erleichterung, was ich fühle?

Ich verabschiede mich von Rolf, der mir anbietet, bis zum Ende zu bleiben. Wir umarmen uns, und als wir uns wieder voneinander lösen, sehe ich, dass seine Augen feucht sind. Es ist besser, wenn er nach Hause geht. Ich gebe Anette einen Kuss auf die Wange. Sie schluchzt und rennt aus dem Zimmer.

Herr Petrelli fragt mich, ob es bei dem Ablauf bleibt, den wir besprochen haben. Für mich hat sich nichts geändert, antworte ich und weise auf die offene Tür zum Nebenzimmer, wo das von Anette frisch hergerichtete Bett wartet.

 

„Sie glauben also nicht daran, dass nach dem Tod noch etwas kommt, dass es ein Leben danach, einen Gott gibt?“

„Sie meinen, weil Gott mich sonst dafür zur Rechenschaft ziehen würde, dass ich den Freitod wähle? Nach der Diagnose, die ich bekommen habe, müsste ich eher ihn zur Rechenschaft ziehen, finden Sie nicht? Aber im Ernst: Ich habe mein Leben gelebt, wie ich es für richtig gehalten habe, und nie wirklich an etwas außerhalb dieser Welt geglaubt, und ich tue es auch jetzt nicht.“

 

Ich setze mich noch einmal an den Tisch, nehme den Stift und füge einen letzten Satz an.

 

„Aber ein bisschen hoffen wird man ja wohl dürfen.“

 

Dann versehe ich das Interview mit Datum und Unterschrift und faxe die autorisierte Version an den Journalisten und an meinen Agenten. Ich nicke Herrn Petrelli zu, und im stillen Einverständnis, dass alles getan ist, begleitet er mich ins Nebenzimmer, wo er seinen Koffer öffnet.

Wird der letzte Moment ein glücklicher sein? Das habe ich mich oft gefragt in den letzten Tagen und Wochen. Wenn es ein Glück ist, den Schmerzen und der Quälerei und der Hoffnungslosigkeit zu entfliehen, dann ja. Aber Glück muss doch noch mehr sein, denke ich. Oder will der Mensch einfach nur immer mehr als das, was er hat, selbst in seinen letzten Minuten?

Das Bett schwankt, als ich mich hineinlege, zumindest kommt es mir so vor. Herr Petrelli gibt mir den Becher mit dem Natrium-Pentobarbital. Wenn es mir zu bitter schmeckt, sagt er, habe er zum Ausgleich süße Limonade dabei. Doch ich will nichts anderes. Ich nehme einen Schluck, dann noch einen, dann ist der Becher leer. Herr Petrelli nimmt ihn mir ab und sagt, er lasse mich jetzt allein, wie besprochen.

Meine Augenlider lassen sich nicht mehr bewegen. Ich fühle, wie ich leicht werde. Ich bin nicht allein, will ich noch sagen, dann vergesse ich es. Es wird dunkler, dann heller.

Rike, ich komme.

 

 

(veröffentlicht in der Literaturzeitschrift "Lichtungen", Nr. 139, 2014)