Straos

 

Juri hüpft um Fatimah herum wie ein kleines Kind. Im Grunde ist er das auch, denke ich, und registriere erleichtert, dass er mit seinen clownartigen Versuchen, sie zum Lachen zu bringen, nur mäßige Erfolge erzielt. Fatimah hat nicht viel für Kaspereien übrig, das sollte selbst er mittlerweile kapiert haben. Sie hat doch gesagt, sie will endlich mal was Echtes.

Wieso ist er eigentlich mitgekommen? Fatimah braucht einen Beschützer, hat er getönt. Blödsinn! Sie kann bestens auf sich selber aufpassen, und außerdem bin ich auch noch da. Es sollte unsere Drift werden heute Abend, wir beide haben heimlich im Darknet die Infostreams zusammengepuzzelt und die Route gescoutet. War gar nicht so einfach. Und dann klickt er sich rein, einer der heftigsten Dig-Catcher des ganzen Schulterminals, und behauptet, er habe das schon lang mal machen wollen und er müsse unbedingt dabei sein. Wenn wir nein gesagt hätten, hätte er uns womöglich verpfiffen. Zutrauen würd ich`s ihm.

„Station 37, Check In-Check Out“ unterbricht eine hypertonierte Frauenstimme das beständige Backgroundsounding in der Magnetbahn. Die Türen fließen nach oben weg und entlassen wieder einen Schwung Fahrgäste im Businesslatex, die zusammengefalteten Dig-Packs unter dem Arm.

„So weit am Rand möcht` ich nicht leben“, nölt Juri, „man kann das Straos ja fast schon riechen.“

So ein Quatsch, denke ich. Man riecht gar nichts, außer vielleicht ein paar letzte Spuren der Desinfektionsbase, mit der die Sitzpolster am frühen Morgen abgestrahlt worden sind. Ich blicke nach draußen. Es sieht hier nicht anders aus als in den innersten Kreisen des Zirkels. Es ist genauso hell, die Station ist ausgeleuchtet bis in den letzten Winkel, weiße Wände, weiße Treppen, weiße Steinplatten, glänzende Verstrebungen, die nach allen Seiten abgehen und an denen sich die Männer und Frauen, den langen Arbeitstag ins Gesicht gemeißelt, andocken, um mitgesogen zu werden bis zu ihrem persönlichen Terminal.

Ich versuche mir vorzustellen, wie es im Straos sein wird, aber so richtig bekomme ich kein Motiv vor die Augen, obwohl ich mir die letzten Tage immer wieder die verschwommenen Aufnahmen reingespült habe, die im Darknet kursieren. Ich weiß nur eins sicher: Es ist das Gegenteil von hell.

„Will jemand ´nen kleinen Up-Brander?“, fragt Juri, der offenbar keine Sekunde Ruhe geben kann.

„Was hast du denn dabei?“, will Fatimah wissen.

„Nussquarter und Schoko-Sahne-Peaks.“ Juri wirft eine der Pillen in die Höhe, fängt sie mit offenem Mund auf, beklatscht sich kurz selbst für seine pseudoakrobatische Leistung und sinkt dann mit verträumtem Blick in den Sitz zurück. „Ah, Schokoflash, kommt immer wieder flammig“, gurrt er.

Fatimah nimmt ebenfalls einen Peak, ich entscheide mich für Nussquarter.

„Fünfer oder Zweier?“, fragt Juri.

„Zweier reicht, wir sind gleich da“, antworte ich. Ich beiße auf die winzige Kugel, die sofort intensiven, zuckerdurchsetzten Nussgeschmack in meinem Mund verströmt. Exakt zwei Minuten lang kann ich in dem völlig konsequenzlosen Genuss schwelgen, dann ist es wieder vorbei, so abrupt wie es begonnen hat. Ich sehe Fatimah zu, wie sie mit geschlossenen Augen ihren Sweetflash genießt. Ich wünsche mir, mit ihrer Zunge das zu tun, was die Schokogluotonen machen: Sie von allen Seiten einkreisen und rundum verwöhnen. Fatimah weiß nichts von meinen Wünschen, ich hoffe aber insgeheim, dass sie etwas ahnt. Natürlich weiß sie auch nicht, dass ihr Profil in das Programm eingespeichert ist, das ich neulich gepincht habe, Luvtouch 13.7. Es ist nicht schlecht, der Anzug simuliert ganz nett, aber es ist letztlich doch nicht das Wahre, denke ich, auch wenn es sich in etwa so anfühlt, wie sich Fatimah wahrscheinlich in Wirklichkeit, ihren Proportionen nach zu urteilen, anfühlt, auch wenn ein ähnlicher Duft fingiert wird wie der, den ich heimlich einsauge, wenn ich im Schulterminal näher an sie herantrete. Kann sein, dass ich einfach zu blöd bin, um diese Loadware richtig zu programmieren, aber irgendwie schmecken die Küsse von Fatimah in Luvtouch ein bisschen künstlich und irgendwie fühlen sich ihre Hüften nicht anschmiegsam an, sondern ein wenig… matschig. Immer, wenn sie in Lebensgröße vor mir steht, ist sowieso alles ganz anders.

„Station 38, Check In-Check Out“, verkündet die Frauenstimme, „Endstation. Wir danken Ihnen, dass Sie mit M/T auf dem Speedway waren“.

Ich fange Fatimahs Blick auf, als wir aussteigen, sie nickt mir aufmunternd zu. Es sind nur noch wenige Fahrgäste übrig, die mit uns auschecken; sie interessieren sich nicht für uns, wollen nur möglichst schnell in ihr Terminal. Keine Wachen zu sehen, das ist gut. Wir wenden uns nach links und docken an, werden mitgesogen. Als ich zurückblicke, sehe ich, wie die Magnetbahn sich lautlos, scheinbar schwerkraftresistent, in eine Überkopfschleife dreht und davonschnellt, dorthin wo wir hergekommen sind.

Wir nehmen die andere Richtung, ziehen vorbei an den immer gleichen, blendend hellen, fensterlosen Fassaden, über die sich die Dämmerung zu senken versucht. Ich fühle mich beobachtet, obwohl ich es von Kind an gewohnt bin, dass Kameraaugen meine Schritte verfolgen; aber jetzt ist es anders, denn zum ersten Mal bin ich dabei, etwas Anrüchiges, etwas Uncleanes, ja etwas im Prinzip Verbotenes zu tun. Wenn meine Eltern wüssten, was ich vorhabe, würden sie mir die Moneyline sperren, soviel ist sicher. Die Fassaden brechen abrupt ab, als wäre ein Riesenroboter mit einer Vex-Säge hier zu Werke gewesen. Auch mit den Sog-Verstrebungen hat es sich jetzt; sie ziehen eine Schleife und laufen auf der anderen Seite des grün glänzenden Kunstrasenbands, dem wir gefolgt sind, wieder zurück zur M/T-Station. Ein ganzes Stück vor uns erhebt sich in der diesigen Abendblende die Wall.

Zwei Männer gehen neben uns. Ihrer Kleidung nach zu urteilen vermutlich Zeitarbeiter für mittelniedere Tätigkeiten mit einem begrenzten Aufenthaltsstatus im Zirkel. Vielleicht sind es aber auch Deck-Cops, die von Zeit zu Zeit das Straos inspizieren, oder Experimentelle, die mit Hide-Eyes versteckte Aufnahmen machen oder einfach nur Neugierige wie wir. Sie mustern uns und einer fragt, was wir vorhaben.

„Nur ein bisschen Straos-Luft schnuppern“, sage ich leichthin.

„Ihr denkt wohl, das ist ´n schräger Vergnügungspark da draußen?“, sagt der andere. „Seid ihr überhaupt schon volljährig?“

„Das geht Sie eigentlich gar nichts an…“, gebe ich zurück, aber Fatimah fällt mir ins Wort.

„Ja, wir sind volljährig, und wir passen auf, bestimmt.“

Die Männer blicken uns an.

„Habt ihr wenigstens Scrambler dabei?“, fragt der eine.

Wir nicken eifrig.

„Komm schon, lass gut sein“, meint der andere Mann und zieht seinen Begleiter mit, während wir uns zurückfallen lassen. Nach ein paar Schritten dreht sich einer nochmal halb um und ruft uns zu: „Aber passt verdammt nochmal auf eure Hände auf.“

 

Die Wall ist riesig, in echt wirkt sie viel höher als im Net. Hier beherrscht kein grelles Weiß mehr jeden Blick wie in der inneren Zone, alles ist mit gräulicher Patina überzogen; man sieht, dass hier schon seit längerem nicht mehr abgestrahlt worden ist. Für wen auch. Weit und breit ist keine Menschenseele zu sehen. Es ist totenstill.

Der Port, auf den wir zugehen, wirkt winzig. Ein dunkler Punkt in einer das Auge quälenden Wüstenei, ein schwarzes Klümpchen Fliegendreck auf dem hellen Latexhemd des Zirkelwächters. Als wir davorstehen, knistert etwas, wie wenn man Tablomasse mit den Fingern pulverisiert, vermutlich die unsichtbaren Sol-Reflektoren, die den Übertritt kontrollieren, und ich bin dankbar für das leise Geräusch in diesem Uterus der Stille.

„Wer zuerst?“, frage ich.

„Moment mal“, sagt Juri, der die letzten Minuten verdächtig ruhig gewesen ist, plötzlich, „wieso hat der Typ gemeint, wir sollen auf unsere Hände aufpassen?“

„Noch nie von den abgehackten Händen gehört?“, antwortet Fatimah, „manche Typen im Straos sind so scharf drauf, es in den Zirkel zu schaffen, dass sie vor nichts zurückschrecken, um ein Ship zu bekommen.“

Sie verzieht das Gesicht, vielleicht soll es ein Grinsen sein. Dann hält sie ihr Handgelenk, das das implantierte Info-Ship beherbergt, vor das rötlich leuchtende Portsignal, damit es ihre Daten identifizieren kann. Der Piepton klingt schrill in meinen Ohren, ich frage mich, ob sich das alles lohnt, aber Fatimah ist schon drüben im Straos, und uns bleibt nichts anderes übrig als ihr zu folgen.

 

Direkt bei der Wall ist es noch einigermaßen hell, weil selbst die verschmutzten weißen Steine jenseits des Zirkels die hereingebrochene Dunkelheit ein wenig absorbieren können. Je weiter wir ins Straos hineingehen, umso düsterer wird es. Wir wissen zwar, dass es im Straos kaum Energie gibt, aber dennoch sind wir auf diese fundamentale Schwärze, die sich auf uns senkt, mental nicht vorbereitet. Wir sind unaufgehellte Dunkelheit nicht gewöhnt, wir sind mit Endlos-Licht aufgewachsen. Zwar haben wir die Leuchtfunktion unserer Pads aktiviert, aber auf niedrigem Level. Denn wir wissen, dass wir vorsichtig sein müssen. Wir haben natürlich keine Latexsachen an, tragen Kleider, in denen wir im Straos nicht sofort auffallen, aber wenn irgendjemand uns mit unseren modipolaren Pads hantieren sieht, muss ihm sofort klar sein, dass wir aus dem Zirkel kommen.

Eine plötzlich aufkommende Brise, die einen deprimierenden Geruch mit sich trägt, und ein unheilvolles Dröhnen irgendwo hinter uns lässt uns zusammenfahren. Nervös drehen wir uns um und rücken näher zueinander. Aber es ist nur ein Müllwurm, der aus der Wall herausfährt, um sich zu entleeren. Weißglänzend schiebt sich der überdimensionale metallene Blähkörper zeitlupenartig mehrere hundert Meter in die Area hinein, bis er plötzlich ruckend stoppt und kurz nachdenklich zu schweben scheint. Dann öffnen sich schabend die Scharniere der meterhohen Klappe und sie speit tonnenweise unsortiertes Zeug aus, Müll, Abfälle, Material, das im Zirkel nicht mehr gebraucht wird. Trotz der Entfernung können wir Stimmen hören, die hektisch durcheinanderrufen, Befehle, Anweisungen, Drohungen. Über all dem hängt das Kläffen und Jaulen von Hunden. Es ist also kein Fake, der im Darkweb kursiert: Noch bevor sich der Schlund des Müllwurms wieder schließt, ist der Kampf um unseren Abfall entbrannt.

„Sie haben tatsächlich Hunde hier draußen, und wie sie stinken“, sagt Juri und hält sich theatralisch die Nase zu.

„Idiot, das ist der Müll“, tadle ich ihn.

„Stimmt“, meint Fatimah, „Hunde stinken nicht, jedenfalls nicht von Natur aus. Sie riechen nur etwas streng, wenn ihr Fell nass geworden ist. Hab` ich jedenfalls gelesen“, fügt sie schnell hinzu, als sie unsere irritierten Blicke bemerkt.

Wir gehen vorsichtig weiter, folgen der Route, die sich Fatimah auf ihr Pad gespeichert hat. Es sind gut und gern zwei Gigameter bis zu der Stelle, wo das Konzert stattfinden soll, und wir sind das Laufen nicht gewöhnt.

„Wie halten die es hier nur aus ohne Sog-Verstrebungen“, mault Juri in regelmäßigen Abständen.

Praktisch gleichzeitig nehme ich weit vor uns den Feuerschein und die ungewohnten Töne wahr. Als wir näher kommen, wird mir klar, warum es im Darkweb hieß, der Auftritt finde „in der Höhle“ statt. In der vor uns aufbrechenden Trümmerlandschaft gibt es nur ein einziges höheres Gebäude, das noch steht. Halbwegs, denn Wände gibt es nur im hinteren Bereich, nach vorne hinaus fehlen sie, und die Decke wird nur von klobigen Stahlstreben waagrecht gehalten. Im Schein der Feuer, die dicht vor dieser Steingrotte brennen, kommt es mir so vor, als ob die oberen zwei, drei Stockwerke jederzeit nach vorne kippen und alles, den ganzen Unterschlupf voller Straos-Leute, unter sich begraben könnten. Doch sie sitzen dort ungerührt auf dem nackten Boden, wiegen ihre Körper hin und her und stören sich nicht mal an den Hunden, die zwischen ihnen lagern. Vor ihnen, auf einer mickrigen Erhöhung, hockt ein Mann mit weißen Haaren - er muss steinalt sein – und einer Art Gitarre auf dem Schoß, der er irgendwie klagende Töne entlockt. Fatimah zieht uns mit, hinein in die entrückte Atmosphäre und lässt sich mitten zwischen den Straos-Typen auf den Boden fallen.

Niemand beachtet uns. Wir hören dem Alten zu, während ich mich verstohlen umschaue. Es ist irritierend. Es passiert praktisch nichts, ganz anders als im Zirkel, wo es kein Sound-Ev gibt, bei dem auch nur eine Sekunde Stillstand herrscht und wo nach jedem Track eine Runde Power-Shopping angesagt ist. Die Menschen scheinen weggetreten, keiner kreischt, aber manche klatschen, wenn der Alte eine Pause macht. Er singt mit knarziger Stimme, und so, dass man kaum die Hälfte seiner Worten versteht. Mir scheint, es geht oft um das Straos und darum, wie es funktioniert und wie alles weitergehen soll; einmal singt er irgendwas von Hundefleisch. Nach einer Weile schlurfen zwei weitere Leute auf die Bühne. Eine ältere Frau setzt sich hinter ein Geflecht von Drum-Fakes und bearbeitet die verschiedenartigen Flächen mit unerbittlich-ernster Miene. Ein junger Typ, nicht viel älter als ich selbst, stöpselt eine Hardbody-Gitarre in ein kleines gitterartiges Gerät und beginnt, dem weißhaarigen Alten und den Leuten in der Höhle treibende Rhythmen entgegenzupeitschen. Der Alte zuckt jetzt komisch beim Singen und die Zuhörer stehen auf und beginnen in der Gegend herumzustampfen. Ich weiß nicht, wie lange das geht, ich fühle mich zwar beengt, weil es in der Höhle immer voller wird, aber trotzdem gut, so wie ein passendes Teil eines Ganzen sich wohl fühlen muss. Ich fange ebenfalls an zu stampfen, mich zu drehen, spüre überall meinen Schweiß, höre nichts mehr außer der Musik, die mir nicht wie sonst üblich in den Magen fährt und dort wütet. Es ist anders: Die Töne, die hart und doch auch warm sind, pulsieren durch meinen ganzen Körper, bringen jeden Muskel in Wallung und jede Faser zum Glühen. Dann weiß ich gar nichts mehr, denn da ist endlich Fatimah, die sich zu mir dreht, lächelt und mich küssend hinein zieht in einen Kokon aus berührenden Klängen oder klingender Berührung.

 

Juri ist wortkarg auf dem Rückweg. Nicht einmal, dass ich ihn den Fighter spielen lasse, hellt seine Stimmung auf. Kurz vor dem Port springt uns ein einzelner Straos-Typ in der Dunkelheit an und wirft mich um, bevor er ein Messer zückt und von Fatimah ihr Pad fordert, mit dem sie den Weg peilt. Juri hält einfach mit dem Scrambler drauf, kaltschnäuzig, wie ich zugeben muss, als wäre es eine Simulation im Schulterminal. Im Wegrennen blicke ich über die Schulter; der Typ steht immer noch hilflos da und wird von dem Protonenstoß durchgeschüttelt.

Auf Fatimahs Euphorie hat der Vorfall keinerlei Auswirkungen. Als wir den Port passieren und wieder drüben sind, zählt sie unsere Hände durch.

„Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, alle noch da“, grinst sie triumphierend.

Während wir auf die Endstation der M/T-Bahn zugehen, sehe ich, dass ihre Augen immer noch leuchten, und ich lese in ihnen, dass sie so bald wie möglich wieder hinaus will ins Straos.

„Es war der Wahnsinn“, sagt sie zum dritten oder vierten Mal, „diese Musik geht durch und durch. Ich hab` die Augen zugemacht und nach oben gesehen, und da war keine langweilige blaue Fläche wie sonst, sondern ein ganzer Himmel mit Sonnenstrahlen, Wolken und Vögeln und allem, und ich hatte das Gefühl, ich könnte fliegen.“

„Ich finde, die Gitarre hat geklungen wie ein jaulender Hund“, meint Juri, aber niemand beachtet ihn.


(veröffentlicht in der Anthologie "Zauberhafte Welten", Oldigor Verlag, 2013)